Stellungnahme zur "Berliner Erklärung"

Grenzüberschreitungen

Stellungnahme zur "Berliner Erklärung"

Die Verfasser der Berliner Erklärung vom 15. September 1909 haben wohl den Eindruck gewonnen, dass die Grenze für das, was dem Leib Christi in Deutschland dienlich ist, überschritten war. Im Zusammenhang mit den neuen Aufbrüchen der Pfingstbewegung traten zu viele Fragen und Unstimmigkeiten auf. Wohl wollte man den Heiligen Geist nicht verwerfen, aber alle menschliche und geistliche Unreife, die dem Geist Gottes schaden kann. Diese mangelnde Heiligung im Umgang mit den neu aufbrechenden Geistesgaben zugleich ursächlich in einem Geist „von unten“ anzusiedeln, hat jedoch vielerorts dazu geführt, dass nicht nur Zurückhaltung und Scheu, sondern  Angst und Verteufelung vor Charismen oder ekstatischer Spiritualität die Folge waren. In pfingstlich-charismatischen Kreisen wurde der Mangel an Charismen hingegen allzu häufig auch als Indiz für ein laues oder noch nicht vom Geist Gottes erfülltes Christsein angesehen. Die Einheit der Gemeinde Jesu Christi wurde durch die Berliner Erklärung und deren Folgen in unserem Land enorm belastet.

Das neue Aufbrechen geistlicher Gaben ließ sich jedoch durch Erklärungen nicht aufhalten. Die Pfingstbewegung breitete sich schnellstens aus, so dass die Pfingstkirchen heutzutage weltweit die größte protestantische Denomination bilden. Durch die unterschiedlich geprägten charismatischen Bewegungen auch innerhalb bestehender Kirchen und Freikirchen kam es zu einer neuen Annäherung der verschieden geprägten evangelikalen Gruppen.

Am 1. Juli 1996 verabschiedeten der Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und das Präsidium des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland die „Kasseler Erklärung“. Diese Erklärung hebt die gegenseitigen Verurteilungen auf und begründet eine neue Möglichkeit der Zusammenarbeit. In dieser gemeinsamen Erklärung wird auch die ganze Breite des Wirkens des Heiligen Geistes und der damit verantwortliche Umgang mit den Gaben des Geistes begrüßt, allerdings soll man sich bei den gemeinsamen Projekten innerhalb der Evangelischen Allianz auch zu einer gemeinsam zu verantwortenden Frömmigkeitspraxis einigen. Die Kasseler Erklärung beendet damit offiziell die leidliche Epoche der gegenseitigen Verunglimpfungen und Verdammungen.

Wirkt der Geist Gottes fortan in Deutschland deshalb umso mächtiger?

Einige geistliche Leiter mahnen an, dass die Kasseler Erklärung zwar eine weitestgehende neue Basis für eine zukünftige Zusammenarbeit innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz gegeben habe, aber nicht die Dimension eines Schuldbekenntnisses beinhalte. Durch die gegenseitigen Verurteilungen und auch die durch die Berliner Erklärung verursachte Zurückhaltung und Ablehnung charismatischen Wirkens in großen Teilen der evangelikalen Christenheit sei auch Schuld gegenüber Gott zu bekennen und in einer neuen Erklärung auch zu benennen. Einige erwarten erst durch ein solches gemeinsames Schuldbekenntnis eine neue Freisetzung des Geistes Gottes in Deutschland. Auch ich würde es begrüßen, wenn es diesbezüglich zu einem gemeinsamen Bekenntnis kommen könnte, ich sehe allerdings keine zwingende kausale Verknüpfung mit einer umfassenden Freisetzung des Wirkens des Geistes in Deutschland. Die Blockaden gegenüber dem Heiligen Geist liegen in vielfältig geprägter Schuld. Hier ist Wachsamkeit und Ehrlichkeit von allen Seiten und auch zu allen Zeiten gefragt. Mangelnde Heiligung korrespondiert immer mit der Wirksamkeit des Geistes Gottes. Ein hochmütiger Geist wird immer im Gegensatz zum Geist Gottes stehen, egal ob es nun der Hochmut der Pfingstler und Charismatiker oder der Hochmut der evangelikal-pietistisch geprägten Christen ist. Ich bezweifle, dass ein einmaliges gemeinsames Schuldbekenntnis hier ausreichen wird.

Gott sei gepriesen, dass der Geist Gottes sich offenbar nicht ausschließlich an unsere Erklärungen und gemeinsamen Bekenntnisse hält. So wie der Geist Gottes auch nach der Berliner Erklärung weltweit und in Deutschland mächtig weiterhin gewirkt hat, auch in seiner charismatischen Weise, so wird der Geist Gottes auch in Zukunft immer wieder „unter der Türschwelle“ hindurchdringen. Der Geist Gottes hält sich offenbar nicht allein an die Grenzen, an die Schwellen und Erklärungen, die wir ihm setzen. Dazu ist die Liebe Gottes zu den Menschen zu stark. „Siehe, Wasser floss unter der Schwelle des Hauses hervor“ (Ez 47,1) heißt es bei dem Propheten Ezechiel und er beschreibt, wie das Wasser immer mehr steigt. So möchte ich mich auch 100 Jahre nach der Berliner Erklärung und 13 Jahre nach der Kasseler Erklärung mit allen Christen in unserem Land in Demut zusammenschließen in der Erwartung, dass Gottes Geist unsere Grenzen nicht zu ernst nimmt und dass mit aller Kraft und Macht das gute Evangelium von Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn und Erlöser, fließen kann. Wir wollen aufeinander Acht haben und uns in Liebe ermahnen, wo ein unheiliger Umgang mit den Wirkungen und Gaben des Geistes dem Leib Christi in unserem Land schwächen wollen.

Heinrich Christian Rust    
Braunschweig, 15. August 2009